Bestes Gefühl: Am Schreibtisch sitzen, grübeln über den richtigen Anfang eines Textes, den Blick nach draußen schweifen lassen. Und hier plötzlich, statt der täglich gleichen grau-braunen Balkonoptik, erkennen: die einzelne Lilie da, die so tapfer überwinterte in meinem Kasten, ist doch ein Stückchen höher als gestern noch? Überragt sie nicht mittlerweile die trockenen Blütenstände der Fetthenne? Und ist ihr Grün nicht auch etwas heller an ihrem unteren Ende? Irgendwie: Lebendiger?
Inhalt
Geht es also los? Hier ist doch irgendwo ein unhörbarer Startschuss gefallen… Ein Schuss mit Schalldämpfer… Haben sich Pflanzenzellen, Sonnenstrahlen und alle Tierchen heimlich abgesprochen und gesagt: Auf, es wird Zeit! Oder?
Ich wage mich nach draußen, Balkontür auf, bibberkalt ist es noch, doch doch, das lässt sich nicht leugnen. Aber guck! Das Salomonssiegel reckt die ersten Stängel nach oben, gibt’s denn das! Totgestellt hat es sich den Winter lang, und ich dachte schon ängstlich, hm, vertrocknet, erfroren vielleicht gar? Und doch taucht es, im wahrsten Sinne, wieder auf aus seiner (knochentrockenen, bitte verzeih’) Erde. Die Magie des Vorfrühlings. Echt wahr.
Textarbeit wird verschoben. Ich will es jetzt erst mal wissen: Wenn Pflänzchen und Tierchen schon so munter lostreiben, wie kann ich da mittreiben? Was sollte ich tun, was darf ich schon tun? Natur, gib mir mehr Zeichen! Natur sagt: Checke doch bitte ein bei Tasha.
Jetzt möglich: Duftwicke, Kornblume, Levkoje, Nigella.
Noch warten: Cosmea, Zinnie, Kapuzinerkresse.
Tomaten: eher ab Ende März vorziehen – und bitte nicht gleich in nährstoffreiche Erde setzen.
Wichtig: Kaltkeimer sind nicht automatisch Cool Flowers.
Tasha ist meine Blumenerschaffungsexpertin erster Wahl. Tiefenentspannt erklärt die Bauernhofbesitzerin aus der Nähe des Teutoburger Waldes mir und tausend anderen Followern seit geraumer Zeit, wie das so geht mit den Samen und Substraten, den Erden und Töpfchen.
Duftwicke – schönster Name, bester Trick
Bin ich zu früh dran?, frage ich also. Nein, nein, ermuntert Tasha. Ein Blümchen zum Beispiel, was sich darüber freut, früh keimen zu dürfen, ist die Duftwicke. Was für ein schöner Name! Geradezu Douglas-Flaconi-verheißungsvoll. „Platterbse wird sie auch genannt“, sagt Tasha, und auf der Stelle tut mir das Pflänzchen dann doch etwas leid.
Also: Jetzt säen, rät Tasha – und dann, wenn die ersten Triebe erscheinen, den besten Trick ever anwenden: noch von den jungen Sprösslingen Stecklinge nehmen. Ha! Aus eins mach zwei, grandios. Sparsames Gärtnern, so klappt es!
Merke: Die Duftwicke lässt sich sogar schon im Januar vorziehen (indoor). Andere Pflänzchen, die bereits kurz nach der Silvesterfeier ins Leben starten können, sind die Muschelblume, der Sommer(!)phlox und einige Sorten der Lupine.
Cool Flowers und Kaltkeimer – einmal auseinanderdribbeln bitte
Und was kann ich sonst noch tun? (Ihr merkt es: Ich komme in Fahrt.) Wie wäre es mit Kornblume? Oder Levkoje? Ich wedele mit den Samentütchen. Jaja, das sind alles Coolflowers, so Tasha. Kaltkeimer also? C-o-o-l-f-l-o-w-e-rs, betont die Blumenexpertin.
Vielleicht sollte ich mal den Unterschied lernen. Gut, dass ich Tasha kenne. Der Ausdruck „Cool Flowers“ kommt aus dem Schnittblumenbereich und unterscheidet lediglich jene Einjährigen, die „n büschen Kälte abkönnen“, wie Tasha es so herrlich natürlich formuliert, von jenen, die keine Kälte verkraften. Hat aber nichts mit der Anzucht zu tun.
Anders der Begriff „Kaltkeimer“: Die Pflanzen, die in diese Rubrik fallen, brauchen noch vor dem Keimprozess eine Zeit lang Kälteeinfluss (und zwar richtig knackig, so etwa 0-5 Grad), damit die sogenannte Keimhemmung aufgehoben wird. „Das dauert so vier bis acht Wochen“, sagt Tasha. Erst dann dürfen die Saaten in die Wärme, wo sie zu keimen beginnen können. Und, merke: Während die Cool Flowers unter den Einjährigen zu finden sind, sind Kaltkeimer vornehmlich mehrjährige Pflanzen, der Frauenmantel gehört etwa dazu oder die Sterndolde.
Mein Hirn versucht das Ganze noch zu sortieren: Aber wenn eine Pflanze Kälte braucht zum Keimen, ist sie dann nicht automatisch auch eine Cool Flower? Also, es müsste doch wenigstens eine Schnittmenge an diesen Pflanzenkategorien geben, oder? Gibt es auch, aber sie ist klein. Mohn, Sommer-Rittersporn und die Muschelblume sind sowohl Kaltkeimer als auch Cool Flower, erklärt Tasha. Der Rest der eigentlich robusten Cool Flowers (eine Liste dazu gibts auf Tashas feinem Instagramkanal hier) braucht zum Keimen dann doch seine 16-18 Grad.
Und wenn ich nun keine 0-5 Grad mehr habe? Wenn im Februar oder März schon das blaue Band des lauen Lüftchens weht (oder wie war das?). Dann ab in den Kühlschrank mit den Kaltkeimer-Samen. „Aber bitte nicht in den Gefrierschrank“, warnt Tasha, „das brauchen sie nun wirklich nicht!“
Ich entscheide mal so für mich: Ich lasse die Kaltkeimer fürs Erste in diesem Frühling doch noch sein. Aber die Coolflowers, die interessieren mich brennend. Es dürfen also jetzt in die Erde: Kornblume, Levkojen, Nigella (Jungfer im Grünen), Rudbeckia… – oh, ich reibe mir schon die Hände.
Cosmea und Kapuzinerkresse: Noch kurz Geduld, ihr Lieblinge
Und die Zinnie und meine heißgeliebte Cosmea, und meine noch heißergeliebte Kapuzinerkresse? Wartet lieber noch etwas, sagt Tasha uns, die wir alle mit dem Pikierstäbchen scharren. Die vergeilen Euch sonst nur (wie bitte? auch das noch? Sprechen sich also ab, wann sie (nach oben) treiben wollen und dann auch noch dies, sie vergeilen? Räusper, räusper, grins, grins. Tasha ist unbeeindruckt. Witze dieser Art hat sie offensichtlich schon öfter gehört.)
Die Cosmeen kommen bei ihr frühestens Mitte März in die Erde – die wachsen einfach so schnell. Außerdem, so sagt sie: Was jetzt im März in die Erde kommt, sollte bitte hell und kühl gestellt werden. Also nicht unbedingt im muckeligen Wohnzimmer über dem noch lodernden Kaminfeuer drapieren. Bei mildem Wetter dürfen die Anzuchttöpfe oder -platten auch nach draußen, so Tasha. Aber: „Die Babies bitte nicht der direkten Sonne oder starkem Wind aussetzen“. Hach, ich mag ihren Sprech.
Und was ist mit Gemüse?
Da war doch noch etwas, neben all den Blümchen. Hatte ich nicht auch…? Moment. Ich gucke die Anzuchtschälchen durch (haha, aka Eierkartons, Romelly, sei doch ruhig ehrlich), suche nach dem Stäbchen mit meiner krakeligen Aufschrift „Römersalat“ und sehe im zugehörigen Töpfchen: nichts. Nach weiteren fünf Tagen: immer noch nichts. Nach einer Woche: nada. Zu nachlässig Wasser gesprüht? Saatgut zu alt? Vielleicht auch einfach zu warm gestellt, sagt Horst, Autor, gelernter Gärtner und namensgebende Hauptfigur des RBB-Youtubekanals Horst sein Schrebergarten. Salat sei in der Anzucht „super unkompliziert“, sagt Horst (hahaaa), aber er braucht eben ein kühleres Metier. Zehn bis 15 Grad, mehr sollten es nicht sein. Und dann müsste er nach drei Tagen schon Köpfchen zeigen. Nun gut, denke ich, Anfängerfehler eben. Immerhin: Radieschen bekomme ich hin, auch der Red Giant, ein Asiasalat, sieht schon gut aus in seiner Eierkarton-Mulde.
So langsam, erinnert mich Horst, können wir aber auch an das mediterrane Gemüse denken. Chili am besten schon im Februar/März anziehen, die haben eine relativ lange Keimdauer, Gleiches gilt für Paprika. Tomaten lassen sich aber gerade jetzt, also ab Ende März vorziehen, früher aber bitte nicht, sie werden sonst zu lang und zu dünn, erklärt Horst (und ob mir dabei auffällt, dass er das Wort vergeilen tunlichst vermeidet, er ist halt ein ganz zauberhaft Sprach-Eleganter, der Horst).
Für den Tomatenstart: bloß keine Düngung, keinen Kompost
Mich juckt es, für die Anzucht der Tomaten beherzt eine Handvoll Erde aus meinem Balkonkomposter zu schaufeln und den Samen damit ein Bettchen zu bauen, denn schließlich, so viel weiß ich: Tomaten sind Starkzehrer. Ich will sie nähren, von Anfang an, meine kleinen Babys. Muttermilch! Beikost! Nahrhafter Karottenbrei! Dafür stehe ich mit meinem Namen!
Naaaah, bremst Horst mich aus. Das Saatgut hat doch doch schon alles, was es zur Keimung braucht. Es steckt im Samenkorn. Das hat die Natur so eingerichtet, eine Art vollintegrierte Nabelschnur. Düngung brauchen die Pflänzchen erst später.
Schlaue Natur, denke ich, packe Muttermilch und Hipp-Gläschen (aka Komposterde) wieder weg. Nehme Erde, die ich mir mal aus dem Garten mitgebracht habe (Horst sagt, die könne man nun gut nochmal im Backofen für ne halbe Stunde aufbereiten, damit mögliche Wildkräutersamen absterben, aber ich heiße im Zweifel auch Wildkräuter willkommen) und fülle sie vorsichtig in meinen, jaa, Eierkarton.
Setze die Tomatensamen ein, etwas Erde drüber, schön angießen, Deckel drauf – und ab mit dem Brutkasten aufs Fensterbrett. Nicht zu warm, nicht zu kalt, und nach ein paar Tagen dürften hier die Keimlinge zu sehen sein. Ab dann bitte unbedingt Licht dran lassen, rät Horst. Ich bin sehr gespannt.
Und im Garten? Finger stillhalten! Ein bisschen noch…
Brrrrr, im Garten heißt es erst mal: Ruhe walten lassen. Ja, es juckt uns in den Fingern, alles abzusäbeln, was nach Herbst/Winter-Überbleibsel aussieht. Die hohen Stängel vom Topinambur, das Struppelgehölz der Wegwarte, die verblühten und vertrockneten Samenstände von Sonnenhut und Fetthenne. Aber, sagt Horst und klingt wie ein liebevoller Zoodirektor, da überwintern doch überall kleine Tierchen drin. Oder lagern Larven. Und wer im Frühling und Sommer reges Insektentreiben haben will, sollte ihnen jetzt nicht das Fell unterm Hintern wegziehen (und schon gar nicht über die Ohren). Also gut, ich lasse alles noch etwas stehen.
Zumindest bis zum…April!
April! Oder: Wo gehts hier zur Schnittblumen-Queen?
Soooo, auch Tasha atmet tief durch, April, JETZT! Raus mit den Zinnien-Beutelchen und den Kapuzinerkressen-Samen vom letzten Jahr (in meinem Fall, hübsch trocken und sicher aufbewahrt. Ich muss mich auch ganz schön zurückhalten, denn schließlich kann man die Samen auch so herrlich naschen, sie schmecken angenehm würzig-scharf). Alles darf nun gesät werden, ja, auch nach draußen, auch auf dem Balkon. Raus auch mit Sonnenblume, Ringelblume, Lichtnelke und Kokardenblume. Droht noch ein später Frost, heißt es eben abdecken, zum Beispiel mit leichtem Vlies. Aber sonsten dürfte es jetzt so langsam losgehen.
Hach, ich bin so gespannt, wie es dieses Jahr auf meinem Balkon und im Garten aussehen wird. So lange hab ich mich – eher minder erfolgreich – auf Gemüse fokussiert, dem Kohlrabi beim Nichtwachsen zugesehen, dem Salat dagegen beim allzu raschen Schießen, den Tomaten beim braunfaulen. Manches hat geklappt, sehr vieles aber eben nicht. Und was mir eben meist fehlte, war üppiges Sommerbunt.
Das soll dieses Jahr anders werden. Ich werde Schnittblumenqueen. Jaaa! Denn auch die „erntet“ man nämlich, habt Ihr das gewusst? Es gilt sogar: Je mehr man abschneidet, desto mehr kommt an Blüten nach! Wo gibt es das heute noch, frage ich euch? Man nimmt etwas, und es kommt tausendfach zurück (in der Liebe, könnten jetzt die Romantiker unter euch schwelgen… Ach ihr…)
Also Blumen, Sommerblumen, Blütenglück in Romellys Schreberhome, so die Aussicht. Was darf’s sein? Löwenmäulchen, Levkojen, Sonnenhut, Malve und natürlich, siehe meine Ungeduldszeilen oben, Zinnien und Cosmeen.
Cosmeen: mehr als nur simples Weiß und schnödes Violett
Und welche Cosmeen?, fragt mich meine Freundin Mona, von Haus aus mit etwas mehr Gärtnerinnenwissen ausgestattet als ich. Na, so…weiße und violettfarbene, antworte ich vage – einfach so dermaßen nichtsahnend.
Denn was es alles an Cosmeen-Sorten gibt, zeigt mir ein Blick in Sarahs Cottagegarden: da gibt es hellviolette mit apartem dunkleren Rand, elegant apricotfarbene, dunkelgetönte mit Cranberry-Look, Bicolor-farbenfrohe, und sogar, ja ist es zu fassen, sanft errötende Weißblüten. Hach. Ich kann mich gar nicht entscheiden.
(Und da Sarah, wie übrigens auch Tasha, selber Samenmischungen verkauft, schreibe ich mal an dieser Stelle sicherheitshalber „Werbung“ dazu – „unbeauftragt“ natürlich.)
Da-da-da-Dahlien – da lass’ ich (vorerst) die Finger von…
Woran ich mich aber gar nicht traue (okay, degradiert mich gern. Von der Schnittblumenqueen zur, sagen wir, „-gräfin“, ich verkrafte es), sind: Dahlien. Zum einen: Gemeinhin pflanzt man sie per Knollen ein statt sie auszusäen (geht wohl auch, Tasha macht’s vor, aber das ist mir noch zu heikel), und: Vor dem drohenden Winter wollen sie am liebsten wieder ausgegraben und sauber abgeputzt und eingelagert werden. Und Schneckenleibspeise sind sie auch noch.
I mean.
Die, die mich hier schon eine Weile kennen, wissen: Das ist nicht Romelly-Ding, nein nein. Viel zu viel Aufwand. Sag ich heute. Wobei Horst von Horst sein Schrebergarten meint: Dahlien gehören einfach in jeden Garten, sie schließen so schön Lücken.
Also watch me. Vielleicht ändere ich meine Meinung noch… (Sind hier Dahlien-Fans? Sagt, lohnt es sich? Macht mir gern Mut, gebt mir Tipps – oder stimmt meiner Dahlienverdrossenheit zu, wir Ihr wollt, ich bin gespannt auf Eure Meinungen.)
Ich gehe jetzt nochmal mein Salomonssiegel bestaunen und treffe meine Balkon-Lilie auf einen Plausch. Ist sie nicht sogar,…während ich eben diese Zeilen hier schrieb?!…, doch glatt um ein paar weitere Zentimeter gewachsen?…
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