Eigentlich wollte Tilman Winterling nur aufräumen. Stand vor seinem Regal — oder vielleicht (ach: sicher!) auch vor mehreren –, sah all die Bücher, die geliebten, die durchgesuchteten, aber eben auch die unangetasteten, irgendwann mal gekauften, aber nie gelesenen Exemplare. Er sortierte sie heraus, zählte sie durch.
54. Huff.
54 Bücher, die er sich irgendwann mal zugelegt, vielleicht auch geschenkt bekommen hatte, in deren Geschichten oder Gedanken er aber nie eingetaucht war.
Die Ungelesenen.
Plötzlich der Impuls: Er sollte sie lesen. Jawohl. Nach und nach. Und dann – anderen davon erzählen. Was diese Bücher mit ihm machen, welche Erkenntnisse er aus ihnen zieht, und ob er sie weiterempfehlen würde.
Vielleicht interessiert es nicht jeden in seinem Freundeskreis. Aber da draußen, da draußen sind doch sicher viele Menschen, die seine Berichte würden lesen wollen (und selbst wenn nicht – manche Gedanken müssen ja einfach in die Welt).
54 Bücher. 54Books. So sollte es also heißen, sein Blogprojekt, Untertitel: „Die Ungelesenen“ – so erzählt Winterling es dem Autor Linus Giese, als dieser ihn für sein Literaturbloggerbuch interviewt. Ein Blog, geboren in einem Moment des Ausmistens. (Was würde wohl Marie Kondo dazu sagen?)
Was der erste Blogpost war? Er wisse es schon nicht mehr, so Winterling gegenüber Giese. Aber einer seiner ersten Texte damals habe, haha, welch Ironie, von Neuanschaffungen gehandelt.
Aber – wie klappte denn nun das Durcharbeiten der 54 Unberührten? Zum Zeitpunkt des Interviews anscheinend nicht ganz so gut: Winterling habe inzwischen „erst 14“ davon gelesen, verriet er im Gespräch. Die Namen dieser Bücher habe er mittlerweile auch wieder aus seiner Sortierliste gelöscht. „Welche das waren, würde mich im Rückblick sehr interessieren“, sagte er.
Ich mogele mich ins Internetarchiv und linse auf Winterlings 54-er-Altbestand-Liste: Effi Briest von Theodor Fontane stand damals drauf, Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo sowie Mutmaßungen über Jakob von meinem Ahrenshoop-Freund Uwe Johnson.
Was mich nun noch brennend interessieren würde: Wie viele ungelesene Bücher stehen wohl heute in Winterlings Bücherregal? (Oder: Bücherregalen?) Und vielleicht, überlege ich außerdem, brauchen wir diese Ungelesen sogar, ja, auch diesen SUB-Stapel, auch wenn er gefühlt stetig größer wird als kleiner. Einfach als Versprechen, dass noch wunderbare Geschichten auf uns warten.
Marie Kondo möge es uns verzeihen.
54Books…
…hat sich längst vom Blog zum veritablen Onlinemedium gemausert: Heute ist das, was einst ein Auffangbecken für Winterlings „Ungelesenen“ sein sollte, ein renommiertes digitales Literaturmagazin. Die Autor:innen schreiben Rezensionen, Debattenbeiträge und veröffentlichen Interviews. Geben Themen Raum, „die im Feuilleton keinen Platz mehr finden“, heißt es im Selbstportrait auf der Seite. Winterling, der im Hauptjob Medienjurist ist, gehört weiterhin zum Redaktionsteam. Mit dabei sind außerdem (Stand Juli 2025) Berit Glanz, Johannes Franzen und Simon Sahner. (Unbeauftragte Werbung)
Linus Giese…
…hat 2011 angefangen, online über Literatur zu schreiben (buzzaldrins.de) und 2016 schließlich oben genanntes Literaturbloggerbuch veröffentlicht. Darin enthalten sind Tipps für Menschen, die einen Blog starten wollen, einen solchen schon führen, verbessern oder rechtssicher machen möchten. Zwischenzeitlich hat Giese zwei weitere Bücher rausgebracht: Ich bin Linus (2020, Rowohlt) und Lieber Jonas oder Der Wunsch nach Selbstbestimmung (2023, Kjona Verlag).
Noch mehr Lust auf Literaturblogs?
…dann schaut gern mal hier rein:
nachtundtag.blog
kaffeehaussitzer.de
literaturpalast.at
Ausmisten von Büchern – und wohin dann damit?
Zum Beispiel spenden: An Oxfam, Bibliotheken oder an Spaziergänger, die an Bücherschränken Halt machen. Alle Bücherschränke in Frankfurt sind beispielsweise hier gelistet: urbanlife-eg.de
Über diese Reihe
Die Romelly-Reihe „Der Moment“ wirft ein Schlaglicht auf kurze Situationen, die bestimmten Menschen im Gedächtnis geblieben sind oder ihnen etwas bedeuten. Weil sie darin etwas erkannt haben, weil ihr Weg von da an eine andere Richtung genommen hat – oder einfach auch, weil sie es hier besonders gespürt haben: das Leben, die Liebe oder das Glück.
Bisher in dieser Reihe erschienen:
Tobias Kratzer: „Ausgebuht werden ist nicht das Schlimmste“
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