Früher wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, schon Anfang oder Mitte Juni in den Sommerurlaub zu fahren. Mitte Juni? Da sind doch gerade erst die Tulpen verblüht, die Osternester weggepackt, der Besen vom Walpurgisflug über den Hexenberg verstaut. Oder? Der Sommer steht erst auf Anschlag, und schon fahren wir weg?
Das Problem ist ja: Kommt man wieder, ist noch so viel Sommer übrig.
Das Schöne aber, wie ich nun erkenne: Kommt man wieder, IST NOCH SO VIEL SOMMER ÜBRIG!
Genau! Und wie herrlich ist das bitte? Denn schau:
Sommerhighlight 1: Die leere Stadt
Noch sind Schulferien, vielleicht sind sie sogar gerade erst gestartet, klammheimlich, während Du im Urlaub warst – und nie ist die Stadt leerer als in diesen Sommerwochen. Weniger Ansässige in der City, weniger Pendler, die morgens hinein und abends wieder hinauswollen. Die Stadt ist, nun vielleicht nicht im Tiefschlaf, aber doch dösend in der Hängematte. Ich döse mit ihr, genieße es, durch die leereren Straßen zu radeln, fast ein Coronazeit-Feeling.
Gleiches gilt für die Schwimmbäder: Wo sich außerhalb der sechs Wochen die Massen tummeln, ist nun eine merkliche Ruhe eingekehrt. Sollen sie doch am Gardasee brutzeln oder auf Norderney Sandburgen bauen, ich liege auf meiner liebsten Sommerwiese und springe in (leicht) Gechlortes.
Übrigens: Manche Bäder haben spezielle Sommerferienöffnungszeiten. Das Brentanobad in Frankfurt (siehe oben) öffnet in den Ferien bereits um 9 Uhr statt um 10 Uhr.
Sommerhighlight 2: Kein Termintetris
Wie oft habe ich bedauert, die schönen heimischen Sommer-City-Events zu verpassen, wenn es Mitte oder Ende Juli in den Urlaub ging. Oder ich musste Termintetris spielen: Puh, okay, drei Tage bekomme ich beim zweiwöchigen Open-Air-Festival im Park gerade noch so mit, bevor die Abreise in den Urlaub (merkt ihr, ich schreibe Abreise! Als wäre das Daheimsein das Eigentliche!) ansteht, nach der Rückkehr erhasche ich, wenn es gut läuft, noch zwei Tage vom Theaterfest am Fluss. Was ein Stress doch, oder? Der Urlaub ist der Fixpunkt, und der Sommer hat sich bitte davor und danach zu gruppieren, sich hinten anzustellen? Das ist vorbei, in diesem Jahr zumindest.

Schaut doch, wie grün alles noch ist, wie frisch der Sommer noch daherkommt
Sommerhighlight 3: Erholt und frisch und grün
Auch nicht zu verachten: Wie herrlich erholt ist man doch, wenn man aus dem Urlaub, dem frühen in diesem Jahr, zurückkehrt und plötzlich Muße hat, so ganz mit innerer Ruhe, sich in den Sommer zuhause fallen zu lassen.
Schaut doch, wie grün alles noch ist, wie frisch der Sommer noch daherkommt, wie wenig erschöpft. Wie in den Läden immer noch Shorts und Kleider ausgestellt werden statt der ersten Cardigans. Wie in der Gemüseauslage die Melonenköpfe liegen als würden sie einander liebkosen, die Kirschen, sogar noch letzte Erdbeeren. Noch kein Kürbis nowhere. Der ganze Rewe atmet Sommer.
Wehret den Urlaubsbildern
Allerdings: Spätestens ab Juli trudeln sie dann ein, auf Insta, auf Facebook: die Posts derjenigen, die nun weggefahren sind und vor Sonnenuntergängen, im Strandkorb, in der „schönsten Bucht ever“ posieren. Doch kommt da wirklich Wehmut auf?
Ich prüfe mich. Die Griechenlandfotos der Influencerin A, mit hochgehaltenem Ouzoglas. Ich rufe ihr „Yammas“ zu, trinke meinen home-made Smoothie und zucke ansonsten mit den Achseln. Die Bilder der Reisebloggerin B von schlammgrauen Füßen, rosa Backen, strahlenden Augen, klassischem wohltuenden Wattwandereffekt. Ach ja, denke ich, gönn Dir! Und: Hey, ich hatte das schon, bin erholt (und gebräunt, bin ich versucht zu sagen, aber nein, das ist bitte in den 2020ern kein Kriterium mehr, Sunblocker regelt), und mein Koffer ist (endlich, nach Tagen) weggepackt. Bedeutet: Ich kann mich vollends auf die Sommerzeit hier einlassen. Keine Gedanken wie: Nur noch zwei Wochen bis zur Abfahrt, habe ich schon dieses und jenes organisiert, muss ich nicht noch hier und da…, Arztrezept, Tierpension, Proviant, neuer Koffer vielleicht mal wieder, und wo ist eigentlich das Beachball-Set?
Es ist einfach himmlische Post-Urlaubs-Ruhe.
So geht Sommer daheim: Tipps für Aftercation
Es ist ein bisschen wie eine Staycation, so heißt das wohl jetzt: Ferien ohne (erneut) wegzufahren. Wer kann, schafft sich ein bisschen Zeit frei, vielleicht als Selbstständiger oder, falls angestellt, mit einer zusätzlichen Urlaubswoche (wirklich schon alle Überstunden abgefeiert?). Oder aber: genießt den Sommer um die Arbeitsstunden herum.
In den vier Wänden: Morgens Fenster auf, die Sommerluft riechen, beim Gießen der Balkonblumen innehalten, Blüten abputzen, Erbsen ernten, auf Vögel lauschen. Mauerseglern hallo sagen.
Draußen: Heimische Gewässer erkunden, nahe Berge oder Höhen, Moore, Wäldchen. Denn noch längst nicht kennt man alles, oder? Das Schöne: Noch ist es früh in der Jahreszeit, manch ein See, der im Verlauf des Sommers zu kippen droht (ich sag‘ nur Schultheis-Weiher, liebe Offenbacher, if you know you know), in dem sich Blaualgen bilden, ist jetzt noch schön frisch und klar.
Ich hole mir das Weite in mein Leben, mache Fahrradtouren (schon mal die ehemalige BRD-DDR-Grenze bei Eisenach/Herleshausen erkundet?), radle entlang Kornfeldern und Blumenwiesen und Waldsäumen, wie ich sie sonst an der Küste liebe. Gönne mir Apfelschorle in einem urigen althessischen Gutshaus, denke: So geht Sommer.
Ich hole mir die ganze Welt in meinen Aftercation-Sommer
Überhaupt, die Kulinarik. Daran soll es doch nun gewiss nicht scheitern. Sehnsucht nach Hellas? Ich gehe in ein griechisches Restaurant, lasse mir Moussaka schmecken, gönne mir Ouzo (Und rufe auch hier laut: Yammas!). Ich möchte die Seele Afrikas spüren? Ich gehe zum Afrikanischen Kulturfest. (Dieses Jahr mit den Acts Cashma Hoody, Macka B, Melane, Tiken Jah Fakoly). Seefisch lasse ich mir hier schmecken, Portugiesisches hier. Und die beste neapolitanische Pizza außerhalb Süditaliens gibt’s (psst, Frankfurter Geheimtipp) immer noch hier. Ich hole mir die ganze Welt in meinen Sommer, lade sie ein. Was ein cosmopolitischer Juli, was für ein weltenläufiger August.
Gut, es könnte heiß werden, so heiß, dass ich mich nach Irland, Finnland, den Nordpol wünsche, aber auch hier, in städtischen Gefilden weiß ich mir ja langsam zu helfen.
Der Balkon nach dem Urlaub: Gebeutelt, aber wir geben ihn nicht auf!
Okay, der Balkon ist nach meinen zwei Wochen Junireise ordentlich, naja, braun. Nicht viel hat in den ersten warmen Wochen, die übers Land gingen, als wir im Urlaub waren, überlebt.
Ich betrauere: Erbsen, Bohnen, Tomatenjungpflanzen.
Ich feiere, da noch da: die Fetthenne (unverwüstlich in der Trockenheit), die Petersilie, die Lilie (wenn auch arg gebeutelt, vorwurfsvoll hält sie mir ihre braunen Spitzen entgegen) und Sedum.
Ich feiere nach einiger Zeit (denn, hurrah, sie kämpfen sich zurück): den Farn, die Ballonblümchen, zwei Hibiskustrieblein und, kaum verwundert’s: die mysteriöse sogenannte Pflanze des ewigen Lebens, erst in diesem Jahr gekauft, und nein, ich weiß noch nicht wirklich, was ich damit anstellen soll. Aber dass sie, totgeglaubt, plötzlich wieder Grün emporstreckt, spricht beeindruckend für sie und ihre vermeintliche Wirkung (fragt mich nochmal, wenn ich 120 bin).
Wir starten also leicht gebeutelt und getrocknet in diesen Balkonsommer. Zurückgeworfen. Aber bei noch so viel Restsommer auf dem Kalender können wir auch schön erneut durchstarten!
Was im Juli auf dem Balkon noch alles auszusäen geht: Basilikum, Dill, Koriander, Möhren, Rote Bete. Zweijährige wie Königskerze oder Echinacea. Die bilden jetzt nämlich noch eine hübsche Rosette, wie mir Tasha von @tashas_garten erklärt, haben dann Zeit, „schön langsam groß und kräftig“ zu werden – „und sind viel schöner im Folgejahr“. Und auf Tashas Expertise gebe ich was, wie Ihr wisst (denn schon im Frühjahr hatte sie mir fein geholfen).
Ich mache es mir also wieder schön hier auf meinem Balkon. Er soll ein Teil meiner Sommer-at-home-Reise sein. Ich (be)suche den Sommer nicht irgendwo anders, ich bewohne ihn hier. Bin nicht zu Gast in dieser Jahreszeit, sondern lebe darin. Ein Drei-Monats-Miet-Agreement.
Ich kann also eine solche Aftercation nur empfehlen.
Was noch dazugehört?
– der Schwimmbadsprung vor der Arbeit
– der Gartenbesuch nach Feierabend
– der Aperol Spritz auf dem Balkon, der kühlende Melonendrink unterwegs
– das Kreuzworträtseln in der Hängematte
– das Durchgehen der Urlaubsbilder – und die Nachfreude
– im Sommerurlaub endlich mit dem Laufen angefangen? Dann in der Aftercation weiter machen
– im Sommerurlaub lecker gegessen? Melanzane parmigiana, Couscous mit Hühnchen, Shakshuka? Zuhause nachkochen!
– und sowieso: Natur und Weite und Abkühlung nicht als Urlaubs-Privileg erleben, sondern sich all dies als Alltagsfreude gönnen
Und was ist mit Büchern?
Schlau gefragt.
Denn auch das gehört doch dazu, wenn man sich eine Aftercation, Staycation, die schönste Sommerzeit zu Hause gönnt. Vielleicht hat man im Urlaub nicht alle Bücher lesen können, die man sich so (räusper) vorgenommen hatte, oder es sind in der Zwischenzeit neue Wanna-Read-Bücher hinzugekommen.
Ich habe schließlich einen Sommer vor mir!
Nachdem ich in diesem Urlaub vor allem in Erklär-mir-Dänemark-Lektüre versunken bin (und so viel gelernt habe! Was ein Land, was für Menschen!), gönne ich mir jetzt (ha!) einen neuen Zuhause-Sommer-Urlaubsstapel. Gehe in die Buchhandlung und kaufe munter, fast rauschhaft ein. Ich habe schließlich einen Sommer vor mir!

Mein Sommer-Aftercation-Lesestapel (und: Hallo Park, ich komme!)
- Tove Jansson – Das Sommerbuch
- Elizabeth Strout – Mit Blick aufs Meer
- Jenny Erpenbeck – Heimsuchung
- Judith Hermann – Wir hätten uns alles gesagt
- Rainer Maria Rilke – Briefe an einen jungen Dichter
- Didier Eribon – Rückkehr nach Reims
Außerdem: Wer meinen Blogpost über unseren Ahrenshoop-Urlaub gelesen hat, kennt mein Lesemotto: jeden Sommer ein Klassiker. Ein Buch also, das es bislang nicht zu mir geschafft hatte, nicht durch Schule, nicht durch einen Lies-das-mal-bildungsbürgerlichen Elternspruch am Abendbrottisch.
Die „Glasglocke“ las ich auf diese Weise schon im Strandkorb, „Wer die Nachtigall stört“, „Moby Dick“, „Montauk“, sehr viel Hemingway, und zuletzt, ich beschrieb es im o.g. Blogbeitrag, Uwe Johnsons Jahrestage.
Diesmal fügen sich ganz galant und klassisch ein: „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ (Carson McCullers) und „Die Wand“ (Marlen Haushofer). Ich werde berichten, vielleicht sogar direkt aus meiner Hängematte im Park.
Doch nun entschuldigt. Ich gehe jetzt Sommer genießen. Bevor er – shuuush – schon wieder vorbei ist.
Häufige Fragen
Warum lohnt es sich, schon im Juni in den Urlaub zu fahren?
Weil dann Zeit für eine perfekte Aftercation ist: Man kehrt erholt zurück, wenn noch viel Sommer übrig ist – die Schwimmbäder sind ruhiger, die Stadtevents haben noch nicht angefangen. Der Urlaub ist vorbei, der Sommer steht erst in den Startlöchern.
Was macht man nach dem Urlaub zuhause, wenn alle anderen noch wegfahren?
Genau das, was man sonst verpasst: Festivals, Open-Air-Kino, Open-Air-Theater, das Lieblingsschwimmbad vor der Arbeit, Fahrradtouren, das Eintauchen in Lesegelüste auf der Sommerwiese im Park. Der Sommer ist kein Urlaubsprivileg – er kann wunderbarer Alltag sein, wenn man früh genug von der Reise zurück ist.
Was spricht noch für eine Aftercation?
Nach dem Urlaub muss man nichts mehr organisieren, nicht mehr packen, nichts mehr vorbereiten, keine Reiseführer mehr lesen. Einfach ankommen und den Rest des Sommers umarmen. Mit Schmackes!
Jegliche Nennung von Marken, Unternehmen, Produkten, Orten oder Veranstaltungen, ob im Text oder auf Bildern: unbeauftragte Werbung
Schreibe einen Kommentar