Jetzt mach das mal: die Bücher deines Lebens zusammensuchen. Dich vor dein Bücherregal zu stellen und zu schauen: Welches dieser Werke hat mich ganz besonders berührt oder beschäftigt – und warum?
Und nun, nächste Schwierigkeitsstufe: sei AUTORIN und tue ebendies. Beziehe also auch mit ein, während du da so vor deiner Bücherwand stehst, welche der Werke dich zum Schreiben gebracht haben, deinen Stil veränderten, bestätigten, formten.
Und dann: Packe einen Koffer, „in Handgepäckgröße“, erklärt Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt, die Spielregeln. Gib die ausgesuchten Stücke hinein. Und mach dich auf die Reise.
„Bücherkoffer“, so heißt das vergleichsweise junge Veranstaltungsformat des Frankfurter Literaturhauses. Die Idee: Zwei schreibende Menschen, die sich nun kennen können oder nicht, packen füreinander einen Koffer mit für sie bedeutenden Büchern. Mit denen sie eine Geschichte verbinden, eine Leidenschaft oder eine Liebe. Und ja, die vielleicht auch ihr Schreiben geprägt haben. „Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenn AutorInnen über Bücher sprechen“, findet Hückstädt. Und das machen heute: Jana Hensel und Charlotte Gneuß.
„Die Bücher schauen mich an“ – Jana Hensel
Jana Hensel ist es gar nicht schwer gefallen, ihren Kofferinhalt zusammenzustellen, sagt sie. Ein paar Griffe zu ihrem offenbar klug angerichteten Bücherregal reichten ihr: „Die Bücher, die mir wirklich etwas bedeuten, die schauen mich an.“ Sie habe ihre Lieblingsstücke zuhause extra so drapiert: frontal statt seitlich eingeordnet, prall das Cover nach vorn statt des dezenten, sich zurückhaltenden Buchrückens. Und so landen viele Frauen in ihrem Koffer, Schriftstellerinnen, „weibliche Lebensporträts, weibliche Lebenswege“, sagt sie.
Über Jana Hensel
Jana Hensel, politische Reporterin der Wochenzeitung DIE ZEIT, ist in den siebziger Jahren in Leipzig aufgewachsen. Sie studierte in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris. Bekannt geworden ist sie Anfang der 2000er Jahre mit dem autobiografisch geprägten Roman „Zonenkinder“; jüngere Bücher sind etwa „Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“ und, seit 2026, „Es war einmal ein Land – warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet“.

Jana Hensel (links) und Charlotte Gneuß mit Literaturhausleiter Hauke Hückstädt
Zu den frontal aufgestellten Büchern gehört ganz offensichtlich Maxie Wanders „Guten Morgen, Du Schöne“, eine 1977 erschienene Sammlung von Interviews mit Frauen der DDR; ein In-Etwa-Analogum zu Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“, das zwei Jahre früher und in der BRD erschienen war. Für Hensel eine „unglaublich wichtige Lektüre“, „weil es Protokolle sind, weil es Interviews sind, weil sie nicht im Nachhinein gedeutet werden müssen, weil sie nicht altern, sondern weil wir quasi direkt in diese Zeit zurückspringen.“
„Wir springen direkt in diese Zeit zurück“
„Von Generation zu Generation“ werde das Buch bis heute in ostdeutschen Familien zwischen den Frauen weitergereicht, sagt Hensel. Charlotte Gneuß hat eine ähnliche Erfahrung gemacht, und Überraschung, auch sie hat das Buch im Gepäck. „Meine Mutter hat es mir ans Herz gelegt, und ich habe es meiner Schwester geschenkt“, erzählt sie. Gekicher habe es damals im Auto gegeben, als sie es gelesen hätten, „weil es so herzzerreißend leicht ist. Diese Tatkraft, die aus diesen Frauen spricht, dieser Pragmatismus. Und trotzdem diese Lust am Leben“, so Gneuß.
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Ich frage meine Mutter. In den 1970er Jahren in der DDR verheiratet, junge Mutter, berufstätig. Als das Buch herauskommt, hätte es ihr ja etwas geben können. Orientierung, feministische Gedanken, Unterhaltung vielleicht auch nur.
Es sagt ihr nichts.
Sag nochmal, wie heißt das? – Ach, Hallo, guten Morgen, wie geht es Dir? (Das Hefter-Buch kennt sie wohl.)
Nein Mama, Guten Morgen Du Schöne. Von Maxie Wander.
Wander. Das ist nicht diese Lilo, oder?
Ich versuche es anders. Es gab wohl auch einen Film.
Ach, Moment, da muss ich Papa fragen, der kennt den bestimmt.
Papa ist Filmexperte vom Spielfeldrand, kennt Regisseure, Schauspieler, Synchronsprecher, weiß heute noch, von wem er sich damals ein Autogramm ergattert hatte (und dass er die Autogrammsammlung bei der Ausreise, der Übersiedlung, der Flucht – ich finde bis heute nicht den richtigen Namen – zurückließ, dem Nachbarn überließ, der doch damit gar nichts anfangen konnte, das ist, so sagt er heute, eine Tragödie); er könnte ein DEFA-Wiki eröffnen.
Rumpeln im Hintergrund, Stimmengemurmel, Guten Morgen, Du… – die Stimme meines Vaters, aus der Ferne: Doch, das ist dieses Lied — Nein!, brülle ich in die Leitung, in der Hoffnung, jemand hört mich, bevor das hier gänzlich in die falsche Richtung läuft. Neuerliches Gekruschel in der Leitung: Also der Papa, Mama jetzt wieder ganz nah, der kennt das auch nicht, aber wohl ein Lied, das—.
Nein, Mama, nein, lass gut sein.
Also sag nochmal: Du hast es also nie gelesen?
Nein, ich hab ja noch nicht mal davon gehört.
Aber du hast doch viel gelesen, in der DDR?
Ja, als Kind und als Jugendliche, viel aus der Bücherei und so.
Und dann?
Dann habe ich irgendwann in der Bücherei nichts mehr gefunden.
Pause. Ein sich erinnerndes durch graue Gänge gehen.
Da war ja viel DDR-Literatur. Stimme geht nach unten, bekommt einen sägespanreibigen, abfälligen Ton. Den „Ich-denk-nicht-mehr-gern-an-das-Land-Ton.
Und um die haben wir natürlich einen großen Bogen gemacht, sagt sie noch.
Natürlich. Und: Wir.
Wer wir?, frag ich.
Na, wir alle so. DDR-Verweigerung im Kollektiv und auf Mama-isch.
Und was hast du stattdessen gelesen? Ich kenne sie nur so: gebeugt über Buchstaben, später über Puzzleteilen. Sie überlegt, zumindest glaube ich das, denn ist wieder still.
Na, wahrscheinlich dann irgendwann so Liebesgeschichten, geschmuggelte Hefte aus dem Westen, der Herr Dietrich von gegenüber hat die doch immer von irgendwoher bekommen, und Jerry Cotton. Die haben wir einander weitergereicht. Von Hand zu Hand.
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Während Hensel eine neuere Suhrkamp-Ausgabe von Maxi Wander in der Hand hat, recht moderner Look (zur Erinnerung: jede hat die Bücher der jeweils anderen vor sich), hält Gneuß eine Originalausgabe hoch. Blättert darin. Stößt auf eine Stelle, die Hensel einst angestrichen haben muss, liest sie vor:
Ich bin Sekretärin, schön und gut, aber ich bin auch ich. Ich bin Rosa, Tochter von A und R. Das in mir, das ich nicht ausschöpfen kann – das spüre ich, und das macht mir Mut zum Weitermachen. Die Sekretärin ist purer Zufall. Es gibt Schlechteres, als Handlangerin für ehrgeizige Männer zu sein. Aber ich habe keinen Ehrgeiz. Ich finde es beschämend, was manche junge Menschen an Weltschmerz verdampfen, nur weil sie den Traumberuf nicht kriegen.
„Kanonische, große Literatur aus der DDR“, sagt Hückstädt dazu. Hensel ergänzt: Es sei „typisch für DDR-Literatur“, dass diese sich um den Alltag der Leute kümmere.
Oppositionsbewegung aus dem Schatten der Kirche geholt: Bärbel Bohley
Wir bleiben beim Thema DDR (und mal ehrlich, bei der Kofferpackerinnenauswahl ist das ja auch etwas herbeigepromptet) und kommen zu einer Bürgerrechtlerin. Hensel: „Was heute ein bisschen in Vergessenheit geraten ist: Die Anführerin der friedlichen Revolution von 89 war eine Frau.“ Bärbel Bohley wurde 1988 gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern in den Westen ausgebürgert. „Sie war aber die Einzige, die darauf bestand und der es gelungen ist, in die DDR zurückzukehren“, erklärt Hensel, während Charlotte Gneuß in Bohleys „Englischem Tagebuch“ blättert. Bohley gründet bekanntermaßen das Neue Forum und holt „die Oppositionsbewegung in der DDR endlich aus dem Schattendasein der Kirche heraus“, wie Hensel weiter ausführt. „Sie wendet sich an die Werktätigen, wendet sich an alle – und wird damit zur zentralen Figur.“
Im „Englischen Tagebuch“ erkunde sie schreibend den Westen, sehe die Widersprüche, das Kritische: „Ein Filmstoff.“ Und überhaupt: Während es die Filme gebe über Gerhard Gundermann und Thomas Brasch – wo bleibe Ähnliches über Bohley, wo überhaupt über die Frauen des untergegangenen Staats? „Ich warte auf die großen Biografien! Ich warte auf das große Biopic um 20:15 Uhr in der ARD, über die DDR-Frauen, Bärbel Bohley an erster Stelle.“ Und Gneuß nickt: „Ich würde es jetzt sehr gerne lesen.“
„Ich warte auf die TV-Biopics der DDR-Frauen“ – Jana Hensel
„Ihn hätte ich gern gekannt“: Wolfgang Herrndorf
„Arbeit“ und „Struktur“ ist es, wofür sich Wolfgang Herrndorf entscheidet, als er von seiner Hirntumor-Diagnose erfährt. Arbeit und Struktur sollen ihm helfen, klarzukommen mit der unfassbaren Diagnose und dem Leben, das ihm noch bleibt. Und „Arbeit und Struktur“ heißt auch sein Buch, eine Art Tagebuch, das posthum erscheint – und nicht nur Charlotte Gneuß berührt. Was Hermsdorf gedacht haben muss, als er damit begann, kann Gneuss nur vermuten, aber vermutlich dies, sagt sie: „Jetzt, wo ich sehe, dass mein Leben endlich ist – ich meine, das weiß ich immer, aber jetzt ist es konkret –, fange ich an und setze mich hin und schreibe. Nicht nur alles, was ich will – ich schreibe auch gegen das Verschwinden an.“ Und das lese man im Text „sehr deutlich“. Auch den Humor schätzt Gneuß an Herrnsdorfs Aufzeichnungen, das Lebenslustige – bei aller Tragik. „Ich hätte ihn so gern kennengelernt.“ Ja, Charlotte, da sind wir mindestens schon zwei.
„Jetzt, da ich weiß, dass das Leben endlich ist, setze ich mich hin und schreibe“ — Charlotte Gneuß über Wolfgang Herrndorf
Über Charlotte Gneuss
Charlotte Gneuß veröffentlichte 2023 ihren Debütroman „Gittersee“ (S. Fischer Verlag), eine Geschichte angesiedelt in einer Ortschaft nahe Dresden, zu DDR-Zeiten. Das Buch stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Zudem wurde Gneuß ausgezeichnet mit dem Jürgen-Ponto-Preis und dem aspekte-Literaturpreis.

Bücherkoffer: Jana Hensel und Charlotte Gneuß im Frankfurter Literaturhaus
„Montauk“, den Klassiker von Max Frisch, hat Gneuß ebenfalls eingepackt – neben anderen Büchern des Schweizer Schriftstellers. In der Schule sei sie ein großer Frisch-Fan gewesen, bekennt sie. Frisch habe immer zugleich eine Distanz und eine Nähe zu seinen Figuren; und gerade in Montauk, seinem späten Werk, werde er mit jeder Seite „kürzer und immer präziser“, sagt sie. „Ein toller Liebesroman!“
Bibel: Zeitlose Poetik — Charlotte Gneuß
Da fällt Hauke Hückstädt, der durch den Abend führt, beim Blick in Gneuß’ Koffer ein besonderes Buch auf: „Das Neue Testament?“, fragt er ungläubig. Gneuß lächelt, ja, die Bibel. Wir machen uns bereit. Was kommt jetzt? Eine Konfession? Ein Rant? Eine „Wenn ich ein Buch nennen müsste, das mir immer wieder das Leben rettet“-Erzählung?
Sie war im Hotel, beginnt Gneuß. Und: Da liegt doch immer eins. Und ehe sie sich versah, flutsch, sei es ihr bei all den Büchern, die sie für diese Veranstaltung dabei gehabt habe, eben auch „in den Koffer gerutscht“. So kann es gehen, ganz unpathetisch, ganz unheilig. Aber wie das so ist mit solchen Zufallsmomenten: Man kommt ins Nachdenken. Und Gneuß bekennt: „Ich lese biblische Texte eigentlich immer wieder, auch jetzt für meinen neuen Text.“ Dieses archaische Schreibverfahren, in dem es etwa heiße: Es geschah aber, als sie unterwegs waren… Gneuß: „Keine Adjektive, ganz klar auf die Handlung bezogenes Schreiben. Das ist für mein eigenes Schreiben sehr relevant. Ich halte diese Poetik für zeitlos.“
Was Gneuß noch nicht weiß: Damit hat sie einen Marker gesetzt. Noch zwei Jahre später wird es zur Begrüßung im Literaturhaus hin und wieder heißen: „Wir hatten sogar schon die Bibel hier – wenn auch eher aus Versehen…“
Die weiteren Bücher dieses Abends:
– Jurek Becker, Jakob der Lügner – als „Jahrhundertroman“ mitgebracht von Charlotte Gneuß
– Uwe Johnson, Jahrestage, als „Jahrhundertroman“ mitgebracht von Jana Hensel
– Maxim Biller, Der gebrauchte Jude – als einziges zeitgenössisches Buch im Herzen von Jana Hensel (Hensel: „neben Charlottes Buch natürlich“)
– Grit Lemke, Kinder von Hoy – für Gneuß „DDR in konzentrierter Form“
– Herzzeit – der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan
– Hannah Arendt von Rahel Varnhagen – begeistert von der intellektuellen Brillanz: Jana Hensel
– Agota Kristof, mit „Das große Heft“ eine ganz große Autorin und deshalb mitgebracht von Charlotte Gneuß.
– Christa Wolf, Das Sommerstück – für beide wichtig (mehr die Autorin als vielleicht das spezielle Buch) und von beiden mitgebracht. Hensel mag an Wolf, dass es ihr „mit so vielen Titeln gelungen ist, ihre jeweilige Zeit zu beschreiben und zu markieren“. Ohne Wolf könne Gneuß „Schreiben nicht denken“.
Und: Zonenkinder. Geschrieben von Jana Hensel, in den Koffer gepackt von Charlotte Gneuß. Weil, so die Berlinerin, es dieses Gefühl festhalte, „mit Eltern aufgewachsen zu sein, die ein anderes Land gelernt haben, eine andere Logik, eine andere Wertigkeit“.
Womit ich in den lauen Frankfurter Abend gehe:
Ganz sicher mit dieser Anekdote: Wie Jana Hensel (erfolgreich) darum gekämpft hat, dass doch bitte kein Trabi auf dem Cover von Zonenkinder erscheine, keine abgeschabte Litfaßsäule und – Hilfe, auch bitte nicht Pittiplatsch. Was ihr aber nicht gelang: Ihre US-amerikanische Übersetzerin davon abzuhalten, den ganzen Roman neu zu sortieren und diese „ganzen Vor– und Rückblenden sein zu lassen“. Die Amerikaner, immerhin könnten hier auch Universitäten das Buch in ihr Lehrprogramm aufnehmen, verstünden das Buch sonst nicht. Es scheint sich gelohnt zu haben: Bis heute, sagt Hensel, erhalten sie für Zonenkinder mehr Tantiemen aus den USA als aus Deutschland.
Außerdem Memo an mich:
– Maxie Wander lesen, vielleicht sogar in der Originalausgabe
– Mich immer wieder daran erinnern, was für ein Glück es ist, dass wir Wolfgang Herrndorf bei uns auf der Erde haben durften. Wenn auch viel zu kurz.
– Das Ingeborg-Gewusel im Kopf sortieren: also: Max Frisch? Aber auch: Paul Celan? Und welche Filme haben nun welche Liebesgeschichte thematisiert? An einem See, einem Meer oder in der Wüste? (Und: Ist das nicht eigentlich egal?)
Und: wann ist eigentlich wieder Bachmannpreis?
– Sommerstück von Christa Wolf lesen
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