Oder: Warum Open Books das wahre Highlight zur Buchmessenzeit ist

Manchmal, so denke ich mir, könnte man sie doch glatt sausen lassen: Einmal nicht die – mal zu kalten, mal zu warmen – Messehallen besuchen, durch die vielen Gänge streifen, nicht all die Geräusche, die Menschenmengen, die ganze Aufregung auf sich nehmen. Einfach mal Buchmesse Buchmesse sein lassen. Und stattdessen diesen feinen, gut gemachten Sidekick entdecken:

Open Books. Eine schöne, längst schon nicht mehr kleine Begleitreihe zur Frankfurter Buchmesse, organisiert vom Kulturamt dieser Stadt, und manchmal einfach das wirklich wahre Programm in dieser buchverrückten, wunderschönen Oktober-Narrenzeit.

Verteilt auf verschiedene Orte in der Frankfurter Innenstadt, darunter den Kunstverein, das Haus am Dom, die Evangelische Akademie und natürlich die ikonischen Römerhallen, treffen sich Autoren und Autorinnen, um mit anderen Literaturmenschen über ihr Schreiben zu sprechen. Klar werden hier Bücher vorgestellt, aber es passiert noch mehr: Nie habe ich stärker das Gefühl, den Schreibern näher zu kommen, mehr zu lernen darüber, was sie antreibt und umtreibt und immer wieder an den Schreibtisch schubbst, wie sie ihre Figuren entdecken, sie leben lassen, ihnen Raum und Worte geben. Wie sie ihr Schreiben wahrnehmen, was sie zweifeln lässt – und woraus sie Zuversicht ziehen.

Nie habe ich stärker das Gefühl, den Schreibern näher zu kommen

Was ich bei Open Books schon alles erlebt habe!

Ich denke da nur an Elke Heidenreich, wie sie zuckersüß, klar und klug — „in meinem Prinzessinnenrock!“, wie sie sagte — aus ihrem aktuellen Buch las. Letztes Jahr war das. Längst hat ihr aktueller Bestseller „Altern“ das dereinst vorgestellte Buch („Frau Dr. Moormann & ich“) überflügelt,

Elke Heidenreich in ihrem Prinzessinnenrock auf der Bühne der Volksbühne Frankfurt (Open Books 2023)

sie wieder in Talkshows und Radiointerviews katapultiert, ihr noch  mehr Ruhm und, so hört man, sehr vielen Lesern Freude gebracht. Ich mochte aber auch dieses als „Kinderbuch“ vermarktete und mit Zeichnungen geschmückte Werk, und Elke, Elke (und ihren Pünktchenrock) sowieso.

Dann wäre da Thommie Bayer (Roman-Tipp zum Wiederlesen: „Einsam, zweisam, dreisam“. Hat langsam schon Patina angesetzt (EVT: 1987(!)), aber mensch, was habe ich da als Teenie alles über Beziehungen gelernt), der ebenfalls vor einigen Jahren ein neues Buch vorgestellt hat, und von dem mir vor allem in Erinnerung geblieben ist, dass ich ihn vorher, auf dem Weg zu seiner Lesung im Kunstverein, beinahe umgefahren hätte. Ich rief noch (zugegeben: die Braubachstraße mit meinem Rad etwas sehr rasant herunterrasend, schließlich war ich auf dem Weg zu einer Lesung von, ha, Thommie Bayer und schließlich wollte ich nicht zu spät kommen, und was läuft denn der Typ, der Dödel, da plötzlich auf die, läuft er? Wirklich? Auf die Stra…?!!): „Achtung!“ Der Dödel, erschrocken von der Straße auf den Bürgersteig zurückspringend, plärrte mich an: „Mensch, hast Du keine Klingel?!“ Und ich so: „Doch, aber meine Stimme ist lauter!“ (Ich hatte Vorfahrt. Und tatsächlich keine Klingel. Bis heute nicht.) Und das war Thommie Bayer. Und so etwas passiert in Frankfurt zur Buchmessenzeit in den Open-Books-Sphären.

Ich denke aber auch an den Regisseur Dirk Kummer, der einmal – gemeinsam mit der Schriftstellerin Susanne Schädlich – im Historischen Museum sein Kinderbuch vorstellte, „Alles nur aus Zuckersand – Wie war das in der DDR?“, quasi seinem Film „Zuckersand“ nachreichend. Und wer „Zuckersand“ noch nicht gesehen hat, noch nicht den Filmmoment erlebt hat, wo der Kleine unter der Tür durchschlüpft, zurück zurück (und mehr spoilere ich an der Stelle nicht), oh mann, ich bekomme schon beim Schreiben wieder Gänsehaut, höre das alte „Als ich fortging, war die Straße steil…“-Karussell–Ding, mit dem poetischen Text von Dirk Michaelis und Gisela Steineckert, und überhaupt bin ich dann wieder ganz das verlorene Transitmädchen, das ich immer war. Nicht Ost, nicht West, und noch nicht mal irgendwo dazwischen. Aber das ist eine andere Geschichte, das ist meine Geschichte, und vielleicht erzähle ich die auch mal irgendwann.

Ich habe ebenfalls gesehen: Simone Buchholz, die Wunderbare, die so Sätze schreibt wie: „Da oben machen die Sterne ihr Ding“, sie ist die Cool-Herzige, mit der man in der Schule immer befreundet sein wollte, und als sie für die Allegra schrieb, diese wunderbare Frauenzeitschrift, die doch tatsächlich der Axel-Springer(!)-Verlag mal in den Neunzigern zustande gebracht hatte (oder besser: all die tollen RedakteurInnen, die Christine Ellinghauses, die Harald Brauns, die Stefanie Hellges), wollte ich genauso schreiben wie sie. Mal hat es geklappt, mal auch nicht. Heute denkt sie sich Krimis aus, die Simone, und auch da geht’s manchmal um Sterne, und bei OpenBooks erklärte sie damals ihr Erfolgsrezept: Sie gehe beim Schreiben immer über den Beat, den Sound. Merkt man. Gut, dass es sie gibt. Und gut, dass es Open Books gibt.

Und natürlich habe ich, quuuiek, Judith Holofernes gesehen, auch so eine, mit der man schulhof-befreundet sein, am besten gleich im Trio mit Frau Buchholz Gummihüpfen machen will, die Pausenbrote tauschen und die ersten geschriebenen kleinen Geschichten sowieso. Judith (merkt ihr’s? Ich nenne sie glatt beim Vornamen, so vertraut scheint sie mir, hach) hat ihr erstes Buch „Die Träume anderer Leute“ vorgestellt und reichlich Pop-Glanz in die Open-Books-Hallen gebracht.

Open Books 2024: Wo sanfte Radikalität auf explosive Moderne trifft

Und dieses Jahr? Gehe ich Daniela Krien gucken! Kennt Ihr ihre Bücher? Die „Liebe im Ernstfall“ hat mich letzten Sommer sehr beschäftigt, in diesem Sommer habe ich mir dann „Der Brand“ gegönnt. Wie sie Beziehungen beschreibt, seziert, Persönlichkeiten zeichnet, die richtigen Worte findet – da ist sehr viel Magie drin. Vielleicht schreibe ich dazu nochmal einen separaten Post, für heute nur: Die Schriftstellerin – für mich noch ein Mysterium – muss ich mir ansehen.

Dann gucke ich, was Jagoda Marinić uns über „Sanfte Radikalität“ zu erzählen hat (sicher wieder etwas sehr Kluges, ich höre sie so gern), und ich werde zum ersten Mal die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz sehen (ihr neues Buch heißt „Explosive Moderne“).

Das kleine ehemalige DDR-Mädchen in mir zieht’s zu Steffen Mau und zu seinen Gedanken über den Osten, und Marica Bodrožić soll mir verraten, ob sie tatsächlich „Metaphern-Übersetzenmüssen“ als poetologisches Programm ihres neuen Romans „Das Herzflorett“ versteht, wie Beate Tröger in ihrer Textanalyse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung reichlich kritisch anführt. Und ganz bestimmt schaue ich auch bei Maria-Christina Piwowarski rein, die das von ihr herausgegebene Buch „Und ich. 20 Geschichten über Wendepunkte des Lebens“ vorstellt, mit Texten von unter anderem Isabel Bogdan und Zsuzsa Bánk (beide auch vor Ort), und das kann doch nur toll sein. (Und lasst mich Euch sagen: Maria-Christina Piwowarski, Literaturvermittlerin mit Verve, Klugheit und Charme, macht übrigens auf Instagram immer wieder unglaublich schöne Lives mit Büchermenschen, vor einiger Zeit etwa mit Doris Dörrie; guckt mal rein!)

Bleibt nun nur noch abzuwarten: Ob ich wieder jemanden umfahre? Ob mich wieder jemand in Prinzessinnenkleid (oder Prinzenanzug?) verzaubert? Ob ich vielleicht sogar mit jemandem Gummitwist hüpfe? Leute, es ist alles möglich — es ist Open-Books-Time!

(Sind hier noch weitere Open-Bookies? Wo zieht’s Euch hin? Flüstert’s mir unten in die Kommentare. Ich freu mich.)

 

— Good to know über Open Books —

Diese Frankfurter Plätze werden (bei freiem Eintritt) bespielt:

– Römerhalle
– Volksbühne im Großen Hirschgraben (neben dem Goethe-Geburtshaus! Just saying!)
– Frankfurter Kunstverein
– Katharinenkirche
– Haus am Dom
– Evangelische Akademie
– Historisches Museum
– Deutsche Nationalbibliothek (Eröffnung mit Blauem Sofa, die einzige Veranstaltung, für die es vorab kostenpflichtige Tickets zu kaufen gibt, für den Rest der Veranstaltung (habe ich das eigentlich schon gesagt?) gilt: Eintritt frei!

Diese Büchermenschen sind dabei (nur eine Auswahl – und ohne Gewähr):

– Melanie Raabe
– Olga Grjasnowa
– Katja Oskamp
– Joshua Gross
– Dora Heldt
– Petra Roth (mit Peter Kurz)
– Judith Schalansky
– Ulla Lenze
– Dana von Suffrin
– John Strelecky

Damit müsst Ihr rechnen: lange Schlangen vor den Veranstaltungen in den Römerhallen (da sehr beliebt) und in der Volksbühne (same); auch das John-Strelecky-Happening wird sicher gut besucht sein, früh kommen könnte sich lohnen.

Das ist neu: Open Books entwickelt sich stets weiter: Letztes Jahr gab es erstmals einen Debütabend (siehe auch Bonus-Tipp), dieses Jahr haben sich die Organisatoren eine Open Stage einfallen lassen: Acht Frankfurter AutorInnen lesen aus aktuellen und teils unveröffentlichten Texten, und diesmal eben quer durch alle Genres: Romanauszüge werden ebenso dabei sein wie Lyrik, Kurzgeschichten und Prosaminiaturen. On stage: Anette John, Tamara Labas, Julia Mantel, Michael Bloeck, Dirk Hülstrunk, Ralph Roger Glöckler, Meddi Müller und Marcus Roloff. (Freitag, 18. Oktober, 20 Uhr, Haus am Dom)

Bonus-Tipp: Neue Talente entdecken? Auch das bietet OpenBooks dieses Jahr wieder! Am Freitagabend (leider parallel zur Open Stage) finden sich Schriftsteller und Schriftstellerinnen in den Römerhallen zusammen, um ihre Debütromane vorzustellen.

Bonus-Bonus-Tipp (von einer Open-Books-Enthusiastin): Ruhig bleiben. Das Programm ist prall und proper, viele lockende Veranstaltungen laufen parallel (siehe oben). Das Gute: Ein bisschen Hopping ist möglich, vom Kunstverein zu den Römerhallen ist es nur ein Katzensprung, von dort zur Evangelischen Akademie braucht es auch nur drei Minuten, und auch das Haus am Dom ist nicht weit. Holt Euch das Print-Programm (liegt in Buchhandlungen oder Cafés aus), breitet es aus, setzt den Kuli an. Kreist ein, was Euch am meisten interessiert, und dann zieht Linien – tadaa: eine Open-Books-Mind-Map zum Entlanghangeln.

Also dann: Happy Open-Books-Hangeln Euch allen!

Das Programm gibt’s übrigens hier:
https://www.openbooks-frankfurt.de/programm

 

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